‘Bio’ produzierte und ‘fair’ gehandelte Produkte aus sog. Entwicklungsländern erfreuen sich bei uns Deutschland einer wachsenden Beliebtheit. Sie sind aus der Nische der Bio- und Weltläden weit in den Markt hinein gestoßen, selbst in den Discountern gibt es sie zunehmend zu kaufen. Von BefürworterInnen dieser besiegelten Waren wird die Kombination von Bio+Fair als eine Art Zauberformel für eine nachhaltige Entwicklung im Konsumzeitalter beschworen. Die Steigerung von Angebot und Nachfrage scheint Veränderungen im großen Stil möglich zu machen: Das Kaufverhalten der umwelt- und ethisch bewussten KonsumentInnen als Impuls für eine nachhaltigere Welt.

Angesichts der erfreulicherweise wachsenden Bereitschaft, solche als nachhaltig besiegelten Produkte zu kaufen, stellt sich die (noch zu wenig erforschte) Frage, inwieweit die Einführung und Ausweitung von biologischer Produktion und fairen Handelskanälen tatsächlich zu einer nachhaltigen Entwicklung der Produktionsregionen im globalen Süden beitragen.

Damit ein solcher Beitrag nachhaltig gelingen kann, ist zunächst ein vertieftes, differenziertes Verständnis der jeweiligen historischen, geographischen und institutionellen Rahmenbedingungen vor Ort erforderlich:

Zum einen gilt es, die Situation und Perspektive unterschiedlicher Betriebstypen (z.B. kleine Fincas vs. Großplantagen), Anbausysteme (z.B. Mischkultur vs. Monokultur) oder Zielgruppen (KleinproduzentInnen vs. landlose ArbeiterInnen) ernst zu nehmen, deren Mitsprache bei Entwicklung und Gestaltung der Bio+Fair-Initiativen zu erhöhen und auch möglich negative Wechselwirkungen zwischen parallelen Zertifizierungen (z.B. solche für Mono- und solche für Mischkulturbetriebe) zu bedenken.

Zum anderen kann im Dialog mit diesen unterschiedlichen Akteursgruppen generiertes Wissen dazu beitragen, die Standards (was soll erfüllt werden?) und Verfahren (wie soll dies geschen und v.a. wie soll es nachgewiesen/dokumentiert und überprüft werden?) besser an die jeweiligen Rahmenbedingungen anzupassen und dadurch erfolgreicher zu gestalten.

Neben den im Produktions- und Handelsprozess aktiv involvierten Gruppen (KleinproduzentInnen, Plantagen, Handelsfirmen) sollten auch nicht diejenigen vernachlässigt werden, die von den Auswirkungen der Produktion und des Handels betroffen sind, wie z.B. angrenzende Gemeinden bezüglich den Umweltauswirkungen (z.B. Pestizidbelastung) oder dem Zugang zu Ressourcen (z.B. alteingesessene MangrovennutzerInnen gegenüber industriellen Aquakulturen).

Schließlich stellen sich auch Fragen hinsichtlich der grundsätzlichen Möglichkeit, die von Bio + Fair postulierten Ziele im Rahmen einer Zertifizierung exportorientierter Landwirtschaft zu erreichen. Lokale Initiativen erproben zum Teil interessante Alternativen jenseits der ‘zertifizierten Nachhaltigkeitsansätze’.

Letztere können nur dann langfristig (und damit nachhaltig) ihren Beitrag zu den Zielen einer ökologische(re)n Produktion und einem gerecht(er)en Handel leisten, mit denen sie einst als zivilgesellschaftliche Bewegungen angetreten sind wenn sie:

  • bestehende Bedenken der Beteiligten und Betroffenen ernst nehmen,
  • sich zu übergeordneten Zielen positionieren (wie z.B. der langfristig angestrebten Form der Landnutzung in einer Region)
  • die jeweiligen regionalen Besonderheiten kennen, berücksichtigen und in Abstimmung vor Ort bestehenden Initiativen in ihre Praktiken integrieren,
  • und sich nicht nur um die Produktion des dafür erforderlichen Wissens, sondern auch um eine stärkere Einbindung aller Akteursgruppen, allen voran der designierten Zielgruppen, bemühen, indem sie nicht nur die formalen, sondern auch die von Ressourcen abhängigen Zugangsbarrieren senken.

Bezüglich der KonsumentInnen stellt sich dabei die Frage, wie auch diese, u.a. durch die Vermittlung eines differenzierteren Bildes von Bio + Fair, mündiger in die weitere Gestaltung der mitunter in ihrem Namen auftretenden Initiativen einbezogen werden könnten.